Sich alles merken zu können – ein fotografisches Gedächtnis zu haben – das ist wohl der Traum jedes Schülers oder Studenten…

…für den Russen Solomon Schereschewski war es Alltag. In den 20er Jahren arbeitete Solomon als Journalist in Moskau: Bei einer Besprechung kritisierte ihn sein Chef, weil er keine Notizen machte. Zur Verblüffung aller Anwesenden konnte er jedoch das vorher in der Besprechung besprochene, Wort für Wort wiedergeben. Erst nach diesem Ereignis verstand er, dass seine Gabe etwas Besonderes war und sich die meisten Menschen an Sachen nur sehr schlecht erinnern können.

Warum hatte Solomon Schereschewski ein so gutes Gedächtnis?

Wir wissen nicht genau, warum Salomon so ein perfektes Gedächtnis hatte, noch wissen wir, ob es überhaupt perfekt war. Es wird jedoch angenommen, dass er ein Synästhetiker war. Das bedeutet, dass er Buchstaben und Zahlen mit Sinneseindrücken und Bildern verknüpfte. Die Zahl 1 war für ihn ein dünner Mann mit schmalem Gesicht. Die Zahl 87 sah er als dicke Frau mit einem Mann der seinen Schnurrbart zwirbelt.

Das führte zu kuriosen Alltagsproblemen: So vermied er es, eine Zeitung zum Frühstück zu lesen, weil die Sinneseindrücke und Geschmäcker der Wörter oft nicht mit dem Geschmack des Essens harmonierten.

Ein fotografisches Gedächtnis ist im Alltag hinderlich…

Überraschenderweise konnte er sich auch schlecht an Gesichter erinnern, weil sich diese immer veränderten. Und hier kommen wir zum Problem des perfekten Gedächtnis: Ein normaler Mensch komprimiert Erinnerungen.

Wenn wir zum Beispiel einen Hund sehen, können wir uns nicht an alle Details des Tieres erinnern, aber wir können die wichtigsten Eigenschaften des Hundes wieder abrufen: Dass er auf vier Beinen ging, einen Schwanz hat, wie seine Ohren ausgesehen haben usw. Dadurch sind wir in der Lage Dinge zu kategorisieren, die beim genauen Hinschauen gar nicht so ähnlich sind (denken wir nur an die vielen verschiedenen Hunderassen).

Wer nun ein perfektes Gedächtnis hat, wird von den Details praktisch erschlagen. Dinge in Kategorien zusammenzuführen, wird unglaublich schwierig.

Außerdem muss unser Gehirn filtern und vergessen, damit wir uns an eine wechselvolle Umgebung anpassen können. Könnten wir uns an alle Details aus der Vergangenheit erinnern, fiele es uns schwer Entscheidungen zu treffen. Weil wir vor jeder Entscheidung irrsinnig viele Erinnerungen aus der Vergangenheit zurate ziehen könnten.

Unser Gehirn filtert Informationen deswegen sehr brutal, denn es will sich nur mit den unbedingt notwendigen Informationen beschäftigen. Deshalb tun wir uns auch so schwer, langweilige Dinge zu merken, haben aber oft kein Problem damit, uns Sachen zu merken, für die wir uns wirklich interessieren.

Im Alltag sieht man das zum Beispiel bei Leuten, die mit ach und krach die Schule gemeistert haben, aber alle Ergebnisse der Fußball-Bundesliga aus den letzten 10 Jahren aufsagen können.

Das hängt auch damit, dass Dinge die mit starken Emotionen verknüpft sind, besser im Gedächtnis bleiben: Wir erinnern uns zum Beispiel an alle Details der Hochzeit des besten Freundes. Aber haben wir noch eine Idee davon, was wir am Tag davor oder danach gemacht haben?

Tage bei denen nur die Routine abläuft, sind langweilig und bleiben deshalb nicht in unserer Erinnerung.

Im Grunde ist jede Information die wir jemals aufgenommen haben, in unserem Kopf gespeichert. Wir benötigen nur einen Schlüssel, um sie wieder hervorzuholen, denn der Mensch erinnert sich durch Verknüpfung von Gedanken. So können wir uns leicht an die Hochzeit des Freundes erinnern, weil wir viele Verknüpfungen dorthin haben. Schwerer fällt es uns aber, sich an Routine-Sachen zu erinnern.

Was haben wir am 4. Juli 2017 gemacht? Keine Ahnung, weil uns die Verknüpfung zu diesem Datum fehlt.

Fragt man jedoch Leute, die ereignisreiche Tage wie den 11. September 2001 oder den 9. November 1989 bewusst erlebt haben, können diese sich fast immer auch an unwichtigen Dinge erinnern, die sie an diesem Tag gemacht haben.

Das emotionale Ereignis ist die Verbindung zu allen anderen Erinnerungen, die damit verknüpft sind.

Emotionen sind deshalb der wichtigste Baustein, um sich Dinge besser merken zu können. 

Wir erinnern uns an Emotionen und Orte

Aber auch das räumliche Gedächtnis ist sehr wichtig. Du kennst sicher, das Phänomen, wenn du einen Gedanken hast, kurz abgelenkt wirst, und dich nicht mehr an den ursprünglichen Gedanken erinnern kannst?

Hier hilft es oft, ein paar Schritte zurückzugehen, an den Ort, wo du den ursprünglichen Gedanken hattest, um ihn wieder hervorzuholen. Das funktioniert, weil nser Gehirn Gedanken auch mit Orten verknüpft.

Diese Prinzip nutzten schon Redner in der Antike: Wenn sie eine Rede schreiben, gingen sie im Kopf eine Wegstrecke (zum Beispiel in ihrem Haus oder Garten) ab. An jedem Ort auf dieser Strecke legten sie ein Bild für ein Stichwort ab.

Bei der Rede gingen sie dann die Wegstrecke im Kopf ab und konnten so ihre Stichwörter abrufen. Diese Methode (Loci-Methode) kann man wundervoll benutzen, um sich Reden oder die Inhalte von Bücher deines Studiums zu lernen.

Diese Mnemotechniken musst du dir als eine Art Hilfsgerüst vorstellen: Sie geben deinem Gehirn eine Struktur, an der du dein Wissen ablegen kannst und mit der du leicht auf diese Informationen zugreifen kannst.

Kann sich jeder ein Fotografisches Gedächtnis antrainieren?

Nein, und wie ich dir schon gesagt habe, wäre das für dein Leben auch nicht hilfreich. Auch mit Mnemotechniken ist dein Gedächtnis alles andere als perfekt! Viele Gedächtnistrainer sind Marktschreier, die in ihren Seminaren wahre Wunder anpreisen. Die Realität ist etwas weniger grandios, aber noch immer beeindruckend.  Wenn du dich mit Mnemotechniken beschäftigst, wirst du die Leistung deines Gehirns beträchtlich steigern. Trotzdem wird es sich nicht vermeiden lassen, Inhalte regelmäßig zu wiederholen, damit sie langfristig in deinem Kopf haften bleiben. Siehe dazu auch meinen Beitrag über Spaced Repetitions.

Bis bald,

Dein Philipp

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